Mittwoch, 6. November 2013

Hellseher und Wahrsager

Expertenmeinungen- und Prognosen sind verlässlich

Wendelin Wiedeking, Manager
"Prognosen dienen in erster Linie der Unterhaltung des Publikums."

Es ist doch erstaunlich, dass nicht ausschließlich die nette kartenlegende Dame auf unseren hinteren Fernsehkanälen in die Zukunft sehen kann, sondern auch Politiker und natürlich Banker. Wie oft hat jeder von uns schon gehört: "Dieses Produkt wird sich so entwickeln, die Wirtschaft wird um mindestens X Prozent wachsen, der DAX wird Ende des Jahres bei mindestens X Punkten sein und somit um X Prozent gestiegen sein." Zu beachten ist jedoch, dass Banker ausschließlich steigende Kurse vorhersagen können. Mir wurden bisher zumindest von keinem Banker fallende Kurse prognostiziert. Nun aber Spaß beiseite. Können Banker wirklich in die Zukunft sehen? Nein, natürlich nicht! jedoch glauben anscheinend immer noch ein Großteil der Banker und leider auch der Bankkunden, dass diese es können. Hier habe ich ein paar herausragende Beispiele zusammengetragen, inwieweit hochbezahlte Experten in die Zukunft schauen können. Am besten verlieren Sie bitte Ihren Humor nicht und nehmen Sie zukünftig Aussagen von Politikern und Bankern nicht mehr ernst.


"Ich forme diese Industrie ... In zwölf bis 18 Monaten wird man auf die jetzigen Kurse der Telekomtitel blicken und sich wünschen, man hätte diese Aktien seinerzeit gekauft." 

(Jack Grubman, ehemaliger Star-Analyst von Salomon Smith Barne, Tochter der US-Bank Citigroup, im März 2001 zu Telekommunikationsaktien. Heute notiert die niederländische KPN 25 Prozent, Vodafone ungefähr 40 Prozent und die Deutsche Telekom etwa 60 Prozent niedriger als damals.)


"Comroad hat das Potenzial, einer der leuchtendsten Sterne in der sich schnell entwickelnden Telematikwelt zu sein."
(Analysten der niederländischen Bank ABN AMRO nach dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im November 2000 über die Zukunft von Comroad. Kurze Zeit später war das Unternehmen pleite.)


"Auf mittlere Sicht dürften die Preise unter 300 Dollar je Unze fallen."
(Die Weltbank im September 2003 zur Entwicklung des Goldpreises. Heute kostet die Unze Gold rund 1300 Dollar pro Unze - also etwas mehr als viermal so viel. Stand: 06.11.2013)

"Im November oder spätestens im März nächsten Jahres sollte das Vertrauen zurück sein. Bis dahin sind die Quartals- und Jahresabschlüsse von 2007 veröffentlicht. Dann sollte die Krise ausgestanden sein."
(Klaus-Peter Müller, Ex-Commerzbank-Chef im Oktober 2007 über die Dauer der Finanzkrise.)




"Die Finanzkrise wird aus heutiger Sicht keine großen Auswirkungen auf die Struktur der privaten Banken in Deutschland haben."
(Frank Mattern, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey im Dezember 2007.)




"Aus der Finanzkrise ergeben sich keine unmittelbaren Risiken für die Haushaltsplanung. Die Bundesregierung behält daher das Ziel bei, möglichst 2011 einen Haushalt ohne Neuverschuldung vorzulegen."
(Peer Steinbrück, Bundesfinanzminister, Oktober 2008)





Im Jahresbericht, der im November 2007 veröffentlicht wurde, gehen die "Wirtschaftsweisen" in ihrem Gutachten davon aus, dass eine Rezession nicht droht. Der Großteil dieser sogenannten Experten wurde von der Finanzkrise schlicht und einfach überrollt. So weise sind diese Weisen dann wohl doch nicht!

Die Bundesregierung ging im Mai 2008 von einem Wachstum von 1,2 Prozent für 2009 aus. Die Bundesbank sagte im Juli 2008 ein Wachstum von 1,5 Prozent für 2009 voraus. Der damalige Wirtschaftsminister Michael Glos ging im Januar 2008 von knapp unter zwei Prozent Wachstum für 2009 aus. Heute ist bekannt, dass alle diese Prognosen falsch waren. 2009 bescherte der deutschen Wirtschaft ein Minus von ungefähr fünf Prozent und somit die schwerste Rezession seit dem 2. Weltkrieg.

Verheerend sind auch die Prognosen folgender Experten. Die Welt stellte im Sommer 2008 die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Rezession ist. Hier die Antworten:


  • Michael Bräuninger vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut HWWI rechnet mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent.
  • Kai Carstensen, Ifo: <10 Prozent
  • Stefan Kooths, DIW: 15 Prozent
  • Joachim Scheide, IfW: 20 Prozent
  • Jörg Krämer, Commerzbank: 20 Prozent
  • Rolf Schneider, Dresdner Bank: 25 Prozent
  • Jürgen Michels, Citigroup: 33 Prozent
Der weltweite Handel ist 2009 so stark eingebrochen wie seit 1945 nicht mehr. Laut Welthandelsorganisation WTO ging der Austausch von Waren und Dienstleistungen um 12 Prozent zurück.

Interessant ist auch, was die Autoren des Buches "Lexikon der Finanzirrtümer" zum Thema Zinsprognosen aufgedeckt haben. Laut einer Studie der Hertie-Stiftung zur Vorhersage der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen waren 57 Prozent von 425 Vorhersagen von 30 Banken falsch. Folglich ist es sinnvoller, eine Münze zu werfen - hier ist die Chance statistisch gesehen fifty-fifty.

Wie Sie sehen, kann niemand die Zukunft sehen - weder ein Banker noch Politiker noch die nette Dame, die die Karten legt. Geben Sie nichts auf die Aussagen von Bankern, Politikern und Analysten, sondern auf Ihren gesunden Menschenverstand - damit werden Sie bestimmt besser fahren!

"Niemand war je in der Lage, die Börse vorherzusagen. Es ist eine totale Zeitverschwendung. In der Forbes veröffentlichte Hitparade der Reichen der Welt war noch nie ein Börsentiming-Experte vertreten."

Peter Lynch, Investmentfondsmanager



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