Donnerstag, 7. November 2013

2007 - Bankenrun in Großbritannien

Im September 2007 geschieht Unfassbares in Großbritannien

Auf Grund eines akuten Liquiditätsengpasses gerät der britische Baufinanzierer Northern Rock in die Bredouille. Lange Schlangen vor den Filialen der britischen Hypothekenbank Northern Rock, der achtgrößten Bank Großbritanniens mit 1,4 Millionen Kunden und 145 Milliarden Pfund Bilanzvolumen, wecken längst vergessen Erinnerungen an die 1930er-Jahre. Innerhalb von zwei Tagen ziehen die Kunden knappe drei Milliarden Euro von der Bank ab. Das Wort "Bank Run" ist in Großbritannien in aller Munde. Tausende Bausparer beabsichtigen, so schnell wie möglich ihre Einlagen abzuheben und ihr Kapital vor der Pleite der Bank zu sichern. Die Bank of England "springt" mit einem Notfallkredit ein. Erst nach der Garantie durch die Regierung findet der "Bank Run" ein Ende. Im Februar 2008 wird Nothern Rock als erste große Bank verstaatlicht. Insgesamt pumpt der Staat 1,4 Milliarden Euro in die marode Bank, um sie zu stützen. Im November 2011 verkauft der Staat Northern Rock mit einem saftigen Minus von 400 Millionen Pfund an den Unternehmer Sir Richard Branson für 747 Millionen Pfund. Aber auch hier werden natürlich die lukrativen Filetstücke der Bank gekauft. Die Bad Bank "Northern Rock Asset Management" mit ihrem toxischen Portfolio im Wert von ca. 20 Milliarden Pfund bleibt in Staatshand.


Da haben sich einige wohl etwas verrechnet oder: wie aus 6,5 Milliarden in drei Wochen 18 Milliarden wurden

In den USA kommen immer mehr große Banken ins Straucheln. Die größte US-Bank Citigroup kündigt einen knapp sechzigprozentigen Gewinneinbruch im dritten Quartal an. 14 Tage später wird der Abschreibungsbedarf bereits auf 6,5 Milliarden Dollar beziffert. Drei Wochen später muss die Bank weitere elf Milliarden Dollar Wert berichtigen und Citigroup-Boss Charles Prince "wird gegangen". Als kleines Schmankerl gab es zum Abschied gut 40 Millionen Dollar plus Büro, Sekretärin und Chauffeur für die nächsten Jahre. Herausragende Leistungen müssen schließlich gebührend belohnt werden.

161 Millionen Abfindung nach acht Milliarden Quartalsverlust

Bei der US-Investmentbank Merrill Lynch geht es ebenfalls hoch her. Die Bank stellt aufgrund von Abschreibungen im Wert von 4,5 Milliarden Dollar den ersten Quartalsverlust seit sechs Jahren in Aussicht. Drei Wochen später sind aus den 4,5 Milliarden Dollar acht Milliarden Dollar geworden. Kurze Zeit später muss Konzernchef Stanley O'Neal sein Büro räumen. Damit der Abgang nicht allzu hart wird, erhält Mister O'Neal eine kleine Abfindung in Höhe von 161,5 Millionen Dollar. Leider erhielt er für das laufende Geschäftsjahr keinen Bonus. Es ist zu hoffen, dass Mister O'Neal auch ohne den Bonus über die Runden gekommen ist. Auch hier gilt für das Land des unbegrenzten Kapitalismus zweifellos das Leistungsprinzip, egal in welche Richtung.

Erste Abschreibungen in Deutschland

Im November 2007 revidiert die Commerzbank ihre Aussagen. Die Abschreibungen auf das Subprime-Engagement haben sich gegenüber den Ankündigungen im Sommer etwas erhöht - um exakt zu sein: Sie haben sich versechsfacht. Jetzt sind es 291 Millionen Euro. Die Postbank, Deutschlands größte Filialbank, hat ebenfalls mit verbrieften US-Hypotheken gezockt - sie muss 61 Millionen Euro abschreiben. Die Dresdner Bank schreibt einen Quartalsverlust von 52 Millionen Euro - die Gesamtbelastungen belaufen sich somit auf 575 Millionen Euro in Deutschland 2007.

Am 7. November 2007 behauptet HRE-Chef Georg Funke immer noch, dass seine Bank von der US-Hypothekenkrise praktisch nicht betroffen sei und gestärkt aus der jüngsten Marktkrise hervorgehen würde. Im Dezember 2007 (einen Monat später) hat die Krise die Realwirtschaft erreicht. Laut dem National Bureau of Economic Research beginnt in den USA die Rezession. Seit Frühjahr schrumpft die Wirtschaft in den meisten großen Industrienationen. Kurze Zeit später folgen zahlreiche Schwellen- und Entwicklungsländer. Milliardenkredite für die Geldmärkte werden von den Notenbanken angekündigt.

"Who are those guys?"

Im Dezember 2007 treffen sich Finanzwissenschaftler und Notenbanker im Konferenzraum der Federal Reserve Bank of New York. Hier erläutert ein Vortrag, dass zwei Drittel der Refinanzierungsprogramme im Verbriefungsmarkt in Dollar aufgelegt sind. 80 Prozent der Werte werden jedoch von europäischen Banken betrieben. Die amerikanische Notenbank FED stellt sich die Frage: "Who are those guys?" (Wer sind diese Jungs). Die Antwort ist recht einfach: Es sind die Commerzbank, Dresdner Bank, Deutsche Bank, HSH Nordbank und neun Landesbanken. All diese Banken müssen bald große Beträge abschreiben.

"Ich bin früher täglich zur Börse gegangen, weil ich nirgendwo auf der Welt so viele Dummköpfe pro Quadratmeter treffen kann wie dort."


André Kostolany, Börsenlegende

Im Dezember 2007 übersteigt der Zinsaufwand den Zinsertrag bei der Düsselhyp um 700 Millionen Euro. Dies wird von den staatlichen Aufsichtsbeamten registriert, aber Maßnahmen erfolgen keine - knapp vier Monate später ist die Bank pleite. Daraufhin werden auf Initiative der Aufsicht die Problemwerte in die Resba-Beteiligungsgesellschaft in Berlin ausgelagert. "Zur Stützung bringen der Einlagensicherungsfonds und ein Bankenkonsortium 1,57 Milliarden Euro auf. Später fragt der Bundestagsuntersuchungsausschuss, welche Konsequenzen der Fall für die Risikoanalyse hatte. Der Münchner Regionalbereichsleiter der Bundesbank, Klaus-Dieter Jakob, erklärt: Es gab aus meiner Kenntnis keine allgemeinen Schlussfolgerungen, die aus dem Fall der Düsselhyp gezogen wurden".

Die staatliche KfW fährt 6,2 Milliarden Euro an die Wand

Die staatliche Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und ihre Tochtergesellschaft haben 2007 einen sagenhaften Verlust von 6,2 Milliarden Euro eingefahren. Grund dafür sind Abschreibungen in Höhe von 6,8 Milliarden auf Wertpapiere, die die Förderbank von der IKB übernommen hat. Haupttreiber waren dabei die Schuldpapiere des Investmentvehikels Rhineland Funding, einer Zweckgesellschaft, die unter anderem in amerikanische Ramschhypotheken investiert hatte und die KfW der IKB abgenommen hat.

Wer hat denn sonst noch 2007 fleißig Geld verbrannt?

  • Commerzbank: Wertberichtigungen - vor allem für die Tochter Eurohypo - von fast einer Milliarde Euro.
  • DZ Bank (genossenschaftliches Spitzeninstitut); rund 1,4 Milliarden Euro
  • Dresdner Bank: Die Allianz-Tochter muss Abschreibungen von 1,6 Milliarden Euro verkraften. Weiter Belastungen von bis zu 400 Millionen Euro scheinen möglich
  • Hypo Real Estate: Der Immobilienfinanzierer schreibt knapp 400 Millionen Euro ab
  • Postbank: Abschreibungen von 112 Millionen Euro
  • Müncher Rück: Wertberichtigungenvon rund 166 Millionen
  • HypoVereinsbank (HVB): Die Belastungen des Gesamtkonzerns Unicredit belaufen sich für Ende September auf mehr als 400 Millionen Euro
  • Deutsche Bank: Allein Wetten auf die Entwicklung des marktes haben das Geldhaus 4,5 Milliarden Dollar gekostet

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