Freitag, 25. Oktober 2013

Griechenland und seine Bodenschätze

Griechisches Gas und die Folgen

Was würden Sie davon halten, wenn man vorschlüge, Griechenland solle Erdgas und Erdöl exportieren? Keine Sorge, ich habe mich beim Schreiben nicht zu sehr in die Ouzo-Flasche verguckt. Griechenland sitzt in der Tat auf den wohl größten Öl- und Gasvorräten Europas. In Athen frägt man hierzu am Besten die führenden Geologen des staatlichen griechischen Instituts für geologische und mineralogische Untersuchungen. Wenn es jemand wissen muss, dann diese Männer. Und was sie wissen, ist beeindruckend. Griechenland sitzt nicht nur auf sagenhaften Öl- und Gasvorkommen, sondern auf einer ganzen Reihe von bedeutenden Minerallagerstätten. Man kann mit Recht behaupten, dass Griechenland eines der größten Rohstoffvorkommen Europas aufweist. Zu den schier unglaublichen Details später mehr. 
Ist es nicht merkwürdig, dass Sie hiervon kaum etwas gehört haben? Mit wenigen Ausnahmen gab es hierzu so gut wie keine Berichterstattung in den Medien. Auch zahlreiche Politiker wissen darüber nichts oder geben vor, nichts darüber zu wissen. Die griechische Außenministerin der Jahre 2006 bis 2009, Dora Bakojannis, bestätigte, dass Griechenland - bereits nach heutigem Kenntnisstand - auf Gasvorkommen sitzt, die jenen Libyens entsprächen.

Und spätestens jetzt drängt sich eine Frage unweigerlich auf: "Was für ein Spiel wird hier eigentlich gespielt?" Wir lassen Griechenlands Wirtschaft durch drakonische Sparpakete absaufen, überweisen Hunderte von Milliarden, um die Altgläubiger schadlos zu halten. Vergeuden dabei Milliarden an Steuergeldern in Deals ohne Wiederkehr samt Schuldenschnitt, während Griechenland auf Rohstoffen sitzt, die seinen Schuldenberg um ein Vielfaches übersteigen. Rohstoffe, die Griechenland zu einem wohlhabenden Öl- und Gasexporteur à la Norwegen machen könnten. Doch weder von den Medien noch von den Politikern ein Sterbenswörtchen über diese Erkenntnisse. Wer hier keine sonderbaren Absichten unterstellt, muss schon sehr fest im Glauben stehen. Wenn mir jetzt einer mit dem Totschlagargument "Verschwörungstheorie" kommt, fange ich an, dessen gesunden Menschenverstand zu bezweifeln.

Aber schauen wir uns das Thema der Reihe nach an. Ich erspare Ihnen einen Zeitsprung in die Entstehungsgeschichte des Erdöls, überspringe Herodot, der schon um 450 v. Chr. über "Teer, der wie Asphalt riecht" berichtete, und komme direkt in die 1920er Jahre. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt die offizielle Geschichte der griechischen Kohlenwasserstoffe.

Für die nachfolgenden Ausführungen habe ich Ihnen eine geografische Karte des Mittelmeers eingebettet.




1929 gab es seitens der griechischen Wissenschaft erste Spekulationen hinsichtlich gigantischer Ölvorkommen, die sich über ein riesiges Gebiet im östlichen Mittelmeerraum erstrecken sollten. Ausgehend von Rumänien im Norden (Ploiesti war die wichtigste Rohölquelle der Wehrmacht im 2. Weltkrieg), über die Küsten Syriens, Libanons und Israels im Osten weiter nach Libyen im Süden und Algerien im Westen. In all diesen Gebieten hatte man bereits Öl und Gas gefunden. Wäre es da nicht geradezu eine schlechte Laune der Natur, wenn ausgerechnet das Gebiet dazwischen - Griechenland und Zypern - von diesem Segen verschont geblieben wäre? Bereits während des 2. Weltkrieges förderten die deutschen Truppen Öl in Griechenland, um ihre Panzer zu betanken, und sie entwarfen Pläne für großangelegte Bohrungen bei Thassos in Griechenlands nördlicher Ägäis.

Spannend wird die Geschichte 1968. In jenem Jahr übertrug die griechische Militärjunta, die sich durch ihre Rolle als Bollwerk gegen den Kommunismus großer Unterstützung durch die USA erfreute, mehreren US-amerikanischen Firmen die Förderrechte auf insgesamt etwa 60.000 Quadratkilometern. Darunter finden sich namen wie Esso (Exxon), Texaco, Chevron, Conoco oder das britische Unternehmen BP. 

Die abgaben in Form von Anteilen an der Produktion, die diese Firmen wie beispielsweise auch die Oceanic Exploration Company an Griechenland hätten zahlen müssen, waren durchaus überschaubar. Die Verträge hatten eine Laufzeit von 26 Jahren zuzüglich einer Verlängerungsoption um weitere 10 Jahre. 

Rechnen wir doch einmal zusammen: 1968 + 26 + 10 = 2004.


Ölkrise 1973
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In diesem Jahr wären die Konzessionen mit den Amerikanern ausgelaufen, wenn man sie so lange behalten hätte. Erste Probebohrungen fielen vielversprechend aus. Es war von bedeutenden Vorkommen die Rede und von bester Qualität. Im Umfeld der Ölkrise der Jahre 1973/74 schoss der Ölpreis von 5 US$ pro Barrel (Fass mit 156 Litern) auf in der Spitze 12 US$. Besonders spannend wird dieses Thema jedoch, wenn man die Preise von damals in unsere heutigen Zeit umrechnet. Ein Ölpreis von 12US$ entspricht inflationsbereinigt einem heutigen Preis zwischen 80 und 100 US$. Kurz darauf, im Jahre 1979, nahmen die internationalen Spannungen erneut zu, und der Ölpreis explodierte auf 38 US$, was nach heutigem Stand einen Ölpeis von 90 US$ entspricht. Das war für die damalige Zeit ein enormer Sprung, der die Weltwirtschaft in die Rezession trieb. 

In diesem Umfeld der extrem hohen Ölpreise lohnte es sich, die Vorkommen in Griechenland unter die Lupe und den Bohrmeißel zu nehmen. Genau das geschah. Die amerikanischen Ölunternehmen um Oceanic begannen mit den Untersuchungen und ersten Ölförderungen im Bereich Thassos. Dabei wurden auf Anhieb große Öl- und Gasvorkommen in einem Bereich entdeckt, in dem die Wassertiefe nur 50 Meter beträgt, manche Fundstellen lagen sogar an Land. Denken Sie an die großen Anstrengungen, die man heute unternimmt, um Öl in der Karibik aus Gebieten zu fördern, in denen die Wassertiefe 3.000 Meter und mehr beträgt. Alles eine Frage der Kosten und des Ölpreises.

Von den ersten Erkundungsbohrungen bis zur vollen Förderung dauert es allerdings oft einige Jahre. So begann die Erdölförderung 1981 mit etwa 10.000 Fass pro Tag und stieg bis 1989 auf 30.000 Fass. Doch mit Beginn der Ölförderung war der Spuk der hohen Ölpreise auch schon vorbei. Binnen weniger Jahre sank der Ölpreis wieder auf das ursprüngliche Preisgefüge. Ab Mitte der 1980er Jahre bis etwa 2004 dümpelte der Preis ganz im Sinne der ölintensiven US-Wirtschaft auf einem friedlichen Niveau zwischen 20 und 40 US$ pro Fass. Man hatte sich mit den Saudis geeinigt, Öl gab es weltweit ausschließlich gegen US-Dollar (dieses Petrodollar-System greifen wir später noch einmal auf) - und das zu Preisen, mit denen die US-Wirtschaft und die Saudis gut leben konnten. 

Die Öl- und Gasförderung innerhalb der USA wurde immer weiter zurückgefahren und betrug 2010 gerade noch 60 Prozent der Fördermenge aus den 1970er Jahren. Warum sollte man die eigenen Ressourcen bemühen, wenn es doch so günstiges Öl aus Saudi-Arabien gab. Vielleicht wollte man sich die eigenen Gebiete doch lieber für später aufheben, wenn der Preis attraktiver oder die strategische Bedeutung höher geworden waren, vielleicht hat es sich einfach nicht mehr gerechnet.

Die Gründe bleiben Spekulation, sind aber auch nicht von großer Bedeutung für die nachfolgende Entwicklung. Fakt ist, dass ausgerechnet ab jenem Jahr 2004, an dem die Konzessionen zur Ausbeutung der Unterwasser-Bodenschätze an die Amerikaner ausgelaufen wären, die sie aufgrund des billigen Öls aus Arabien nicht genutzt haben, ebenjener Ölpreis raketenartig auf in der Spitze 140 US$ (2008) schoss. Der Ölpreis ist so hoch wie nie zuvor, und die Prognosen lassen nicht erwarten, dass er wieder dauerhaft auf die alten Stände sinken wird. Das griechische Öl wird also plötzlich so interessant wie in den 1970er Jahren.

So ein Ärger, dass man in der langweiligen Billigölphase die Konzessionen aus Desinteresse aus der Hand gegeben hatte. Nach einigen Hin-undHer-Beteiligungen lagen die Förderrechte bis 1997/98 bei einem Firmenverbund namens North Aegean Petroleum Company (NAPC) unter der Führung der kanadischen Firma Denison Mines. 

Durch den niedrigen Ölpreis, die Querelen mit der Türkei, die sich seit Bekanntwerden der Ölvorkommen einen erbitterten Streit mit den Griechen um die Hoheitsrechte in der Ägäis liefern, und das völlige Desinteresse der griechischen Seite verloren die Kanadier die Lust an diesem Projekt, schlossen den Laden ab und übergaben den Schlüssel wieder an die griechische Regierung. Hier dümpelte die Ölentwicklung in gewohnter Manier vor sich hin. Mal waren es die ehemaligen Gewerkschafter der NAPC, mal eine schillernde Figur aus Rumänien mit seiner eigenen englischen Ölfirma. Das Geschäft wurde immer uninteressanter und war kaum mehr erwähnenswert. Der Hype der 1970er und 1980er Jahre während der hohen Ölpreise war dahin.

Doch mit dem Ölpreisanstieg seit 2004 werden die griechischen Öl- und Gasfelder plötzlich wieder interessant. Neue Erkundungen mit moderner Technik ergeben ein immer faszinierenderes Bild. Überall rund um Griechenland und seine Inseln entdeckt man riesige Vorkommen. Die einst schon optimistischen Schätzungen werden von den Experten heute noch weit übertroffen. Es beginnt ein Run auf die griechischen Vorkommen. Und hier liegt der Schlüssel für die aktuellen Ereignisse um Griechenland, Zypern und für viele Entwicklungen innerhalb der Europäischen Union.
Wunsch-Regierung Griechenlands mancher Banker: Militärjunta (Griechische Generäle des 1967er Putsches)

Die Amerikaner entdecken wieder ihr Interesse an den griechischen Energiefeldern und versuchen erneut, die Hand daraufzulegen. Doch ganz anders als zur Zeit der US-freundlichen Militärjunta von 1968 ist der im Jahre 2008 amtierende Ministerpräsident Kostas Karamanlis ein denkbar schlechter Partner für die amerikanischen Interessen. Karamanlis studierte zunächst Rechtswissenschaften in Athen, später Politik und Internationale Beziehungen an der Tufts Universität in Massachusetts, USA. Seit 2004 regiert er das schöne Griechenland und macht sich vor allem gegen ende seiner Amtszeit große Feinde im westlichen Lager. Der griechisch-orthodoxe Karamanlis gehört der konservativen Nea Dimokratia an, die sich eher in Richtung Osteuropa als nach Amerika orientiert. Spätestens zu Beginnn des Jahres 2008 treibt er es aber offenkundig zu weit. Das "Handelsblatt" überschreibt den entprechenden Artikel mit den Worten "Griechenland verbündet sich mit Russland". 



Arbeiter an South-Stream-Pipeline:

Eröffnungszeremonie mit Präsident Putin
Es geht um die Gasvorkommen Europas. Seit Jahren liegen die USA mit Russland um eine wichtige Gaspipeline im Süden im Clinch. Die Russen (Energiekonzern Gazprom) planen gemeinsam mit Italien (Energiekonzern Eni) eine Pipeline mit dem Namen "South Stream", die, in Russland beginnend, am Grunde des Schwarzen Meeres nach Bulgarien laufen und sich von dort nach Österreich und Italien verzweigen soll. Diese Pipeline soll die Abhängigkeit von den bisherigen Transitländern Ukraine und Weißrussland beseitigen, die in den vergangenen Jahren immer wieder die Gaslieferungen von Russland nach Europa blockiert hatten.


Als verkürzte Version bis zur Türkei 
soll sie über 1.300 Kilometer gebaut werden.
Die Amerikaner im Verbund mit einigen europäischen Staaten hingegen haben anderes im Sinn. Sie planen das "Nabucco-Projekt". Eine Pipeline, die von den Gasfeldern des Kaspischen Meeres bei Baku (Aserbaidschan) durch Georgien an Russland vorbei über türkisches Gebiet weiter nach Bulgarien, Rumänien, Ungarn und schließlich weiter zum Knotenpunkt Österreich verlaufen soll. Viele Konflikte in diesen Regionen der letzten Jahre - beispielsweise der Kaukasus-Konflikt 2008 - werden von Politikexperten auf den milliardenschweren Rivalitätskampf der Amerikaner und Russen um diese beiden Pipelineprojekte zurückgeführt.

Auf diese beiden Pipelines kommen wir in einem weiteren Artikel nochmals zurück.

1 Kommentar:

  1. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41722030.html

    Hier ein älterer Spiegel Bericht aus den 70iger Jahren.

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