Mittwoch, 30. Oktober 2013

Argentinien - Augenzeugenbericht von Marc Friedrich

Staatsbankrott Argentinien im Jahre 2001


Dieser Augenzeugenbericht von Marc Friedrich, der zum Zeitpunkt des Staatsbankrotts 2001 in Argentinien weilte und hautnah erlebte, mit welchem ein solches Geschehen verbunden ist, soll deutlich machen, warum wir vor den Gefahren warnen und warum wir Sie auffordern, vorbereitet zu sein.

Augenzeugenbericht Marc Friedrich:

Argentinien war schon immer eines meiner Traumziele.

Im Jahr 2001 verwirklichte ich meinen Traum und machte mich auf den Weg, um dort zu arbeiten. Mein Gehalt wurde in US-Dollar ausbezahlt. Dies ermöglichte mir in Buenos Aires einen angenehmen Lebensstil. Die Sonne schien, es gab alles zu kaufen, und die Stadt ist atemberaubend schön. Nicht ohne Grund nennt man Buenos Aires das Paris Südamerikas.
Aber dies war alles nur Fassade, die im Laufe des Jahres immer mehr zu bröckeln begann. Ich wurde Zeuge eines historischen Umbruchs und Zeuge eines Staatsbankrottes. Dieses Erlebnis veränderte mein Leben. An nichts, woran ich zuvor geglaubt habe, konnte ich mehr glauben.
Zu meinem Entsetzen sehe ich zehn Jahre später in Europa erschreckende Parallelen zu meinen damaligen Erlebnissen.



Genauso wie die Mitgliedsländer der EU hatte auch Argentinien damals seine Zinspolitik aufgegeben und den Peso an den Dollar gekoppelt. Jahrelang lebten auch die Argentinier enorm über ihre Verhältnisse. Durch die Bindung an den Dollar hatte Argentinien eine negative Handelsbilanz und eine daraus resultierende stark steigende Staatsverschuldung vorzuweisen. Die Inflation war absurd hoch. Im Laufe der zeit verteuerten sich alle Güter immens.

Beispielsweise kostete ein Joghurt bei meiner Ankunft ca. zwei Dollar. Was an sich schon teuer war. Nur drei Monate später waren es schon 2,50 Dollar und wiederum einen Monat später schon 3,20 Dollar. Telefonieren war purer Luxus. Meine Telefonkosten beliefen sich auf über 1.000 Euro pro Monat. Mir blieb bei meiner ersten Rechnung beinahe das Herz stehen. Ich war davon überzeugt, dass es sich bei der Rechnung um einen Irrtum handelte - dies war jedoch nicht der Fall. Argentinien hatte zeitweise die höchsten Telefongebühren der Welt. Die Inflation war enorm. Die Preise stiegen täglich.

Der IWF versuchte Argentinien zu helfen - ohne Erfolg. Ganz im Gegenteil, die Lage wurde eher "verschlimmbessert".

Die Beschwichtigungen des unglücklich agierenden Präsidenten De la Rúa wurden immer häufiger und verzweifelter. Spätestens im herbst war vielen klar, dass Argentinien hoffnungslos verschuldet war. Ähnliche Beteuerungen sehe ich momentan von einem Herrn Trichet, Barrosso, Schäuble und Juncker.

Aufgrund der zunehmenden Kapitalflucht sah ich die Regierung gezwungen, sämtliche Bankguthaben einzufrieren (Corralito) und die Banken zeitweise zu schließen. Als ich an jenem Morgen aufwachte, waren alle Banken geschlossen und die Bankautomaten funktionierten nicht mehr. Die Leute waren ausser sich.

Es durften nur noch 250 Peso pro Konto UND Woche abgehoben werden. Die Währung wurde über Nacht abgewertet und alle Dollarguthaben wurden in Pesos umgewandelt. Jeder Bürger war über Nacht ärmer geworden. Viele aus der Ober- und Mittelschicht verloren viel bis zu teilweise fast alles. Die Wut war enorm und absolut verständlich. Der Staat hatte seine eigenen Bürger in einer Nacht- und Nebelaktion beraubt.



Die folge waren starke soziale Unruhen und Plünderungen. Die Kriminalität steig immens. Der Peso verlor weiter drastisch an Wert, und die Immobilienpreise fielen stark (bis zu 90 Prozent). Die Lage spitzte sich weiter dramatisch zu. Es gab viele tote und Verletzte bei den Demonstrationen und schließlich musste Präsident De la Rúa filmreif im Helikopter vor dem wütenden Mob aus dem Präsidentenpalast flüchten. Anschließend wurde ein trauriger Rekord aufgestellt: Es gab innerhalb von zehn Tagen fünf verschiedene Präsidenten.




Auf den Straßen herrschte pure Anarchie. Die Stadt war nicht mehr sicher. Die Menschen hatten viel oder sogar alles verloren. Die, die nun nichts mehr zu verlieren hatten, ließen ihrer Not, Wut und Verzweiflung freien Lauf. Geschäfte brannten oder wurden geplündert, Menschen überfallen und in Häuser eingebrochen. Die Kriminalität war allgegenwärtig. Die Polizei war maßlos überfordert und beging teilweise selber kriminelle Handlungen.

Ich selber wurde zweimal überfallen und dabei sogar mit einer Waffe bedroht. Auch Handgeld an Polizisten zu bezahlen war gang und gäbe. Ich wollte nur noch raus aus Argentinien, und war froh, als ich es geschafft hatte. Den Glauben an den Kapitalismus, an Papierwerte sowie an ungedecktes Geld hatte ich in Argentinien zurückgelassen. Ich fing an, mich kritisch mit dem System auseinanderzusetzen und Lösungen für die Vermögenssicherung zu finden."

Fazit:

Es war der bislang größte Staatsbankrott eines souveränen Staates in der neueren Zeit. Staatsanleihen im WErt von über 140  Milliarden Dollar wurden wertlos, ein großer Teil davon kam von Privatgläubigern, auch aus Europa und vor allem aus Deutschland. 

Die deutschen Bankberater empfahlen ihren Kunden die hochverzinsten Papieremit dem Hinweis: "Ein Staat, der kann doch gar nicht pleitegehen!"

Pustekuchen! Kann er doch!

Der Peso verlor 75 Prozent an Wert, Immobilien bis zu 90 Prozent! Die Banken wurden immer wieder geschlossen. Die komplette Mittelschicht war von heute auf morgen verarmt. Die Armutsrate stieg auf unglaubliche 57 Prozent und die Arbeitslosenquote überstieg die 20 Prozent-Marke.

Das BIP verlor (offiziell) 2001 4,4 Prozent und 2002 knappe 11 Prozent. Die Inflation war bei 26 Prozent! 

Innerhalb weniger Tage bildeten sich neue wirtschaftliche Strukturen. Tauschhandel und Regionalwährungen halfen vielen Argentiniern, die Misere zu überstehen.

Übrigens: Die deutschen Gläubiger warten bis heute auf ihr Geld. Und der nächste argentinische Staatsbankrott ist so sicher wie das Amen in der Kirche!


Wer die heutige Krise in Griechenland genauer verstehen will, dem sei dieser argentinische Film: "Memoria del saqueo" - "Chronik einer Plünderung" ans Herz gelegt.

Hier wird im Detail beschrieben, welche Folgen die neoliberale Politik von IWF, Weltbank & der einheimischen, wie internationalen herrschenden Klasse haben kann...

Dass in Argentinien, einem der größten Erzeuger und Exporteure von Nahrungsmitteln der Welt in den Jahren nach der Krise 2001 ca. 150 Menschen täglich !! verhungern "mussten" zeigt, dass der Begriff: "neoliberaler Genozid", der auch im Film auftaucht, die Situation treffend beschreibt....

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